Was passiert, wenn ein Hund aggressiv reagiert?

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Immer wieder kommt es vor, dass ich von Hundehaltern höre, dass ihr Hund doch gerne aggressiv ist, das er sehr gerne einem Hund „eins auf die Schnauze“ gibt und das total genießt. Oder kennt ihr die Sprüche: „Die Rasse XY (ersetze XY bitte für eine bestimmte Rasse) ist einfach so. Da gehört Aggressionsverhalten dazu.“ Zeigen bestimmte Hunde wirklich gerne Aggressionsverhalten? Macht es bestimmten Hunden Spaß aggressiv zu sein?

Was passiert, wenn ein Hund aggressiv reagiert?

Reagiert ein Hund aggressiv, so kommt es beim Gegenüber zu einer Schreckreaktion. Der Mensch, der plötzlich von seinem Hund angeknurrt wird, während dieser einen Knochen kaut, wird als erste Reaktion zurückzucken. Der Hund, der von einem anderen Hund abgeschnappt wird, zeigt ebenfalls eine Schreckreaktion. Diese erste Schreckreaktion wird vom autonomen / vegetativen Nervensystem gesteuert und daher hat weder der Mensch noch der Hund eine Möglichkeit „Nein“ zu dieser Schreckreaktion zu sagen. Die Schreckreaktion lässt sich nur mit sehr viel Training und Willensanstrengung vermeiden.

Was passiert mit dieser Schreckreaktion?

Probiert es am besten einfach mal aus, das Verhalten ist bei Hund und Mensch im ersten Moment identisch. Durch die Schreckreaktion zucken Hund und Mensch zurück. Zeigt nun ein Hund aggressives Verhalten indem er knurrt, bellt, fletscht oder auch beißt, dann erfolgt dieses „Zucken“ als Schreckreaktion bei Hund und Mensch. Das führt zu einer Distanzvergrößerung von demjenigen, der zuckt.

Diese Distanzvergrößerung ist entscheidend! (Neben anderen Bedingungen, aber das ist jetzt nicht Thema.) Was bedeutet das für den aggressiven Hund und für das aggressive Verhalten? Warum ist diese Distanzvergrößerung so entscheidend?

Die Lerntheorie ist nicht bei allen Menschen beliebt, aber diese benötigen wir um das aggressive Verhalten eines Hundes zu erklären beziehungsweise um zu beantworten, ob Hunde gerne Aggressionsverhalten zeigen:

Immer, wenn Verhalten aufgebaut oder gehemmt wird, sprechen wir von Operanter Konditionierung oder dem individuellen Lernen eines Hundes. Wer nicht mit Konditionierung arbeiten möchte, hat leider schlechte Karten, denn es passiert auch ohne das Zutun des Menschen.

Bei der Operanten Konditionierung wird das Verhalten des Hundes mit Konsequenzen verknüpft. Es gibt lediglich vier verschiedene Konsequenzen:

  • Positive Verstärkung
    • Etwas für den Hund Angenehmes wird hinzugefügt
      • Leckerlies
      • Ball / Spielzeug
      • Reh hetzen im Wald
      • Hundekumpel
  • Negative Verstärkung
    • Etwas für den Hund Unangenehmes wird weggenommen oder entfernt sich
      • Leinenzug hört auf
      • Der Hund wird aus einer unangenehmen Situation genommen
  • Positive Strafe
    • Etwas für den Hund Unangenehmes wird hinzugefügt
      • Der Mensch beugt sich körpersprachlich nach vorne
      • Der Mensch kneift / zischt / wirft etwas nach dem Hund
  • Negative Strafe
    • Etwas für Hund Angenehmes wird vorenthalten oder entfernt (sich)
      • Dem Hund wird die Aufmerksamkeit seiner Bezugsperson entzogen
      • Der Hund erwartet seinen Lieblingsball, dieser wird aber nicht gegeben

Das aggressive Verhalten wird mit dem Zurückzucken durch die Konsequenz

  • NEGATIVE VERSTÄRKUNG

gesteigert.

Dies ist natürlich nicht der alleinige Grund, warum ein Hund Aggressionsverhalten zeigt! Aber es ist ein Grund, warum durch Management aggressives Verhalten verhindert werden muss.

Knurrt ein Hund also seinen Menschen an, wenn er einen Knochen hat und der Mensch hat dies nicht erwartet und erschreckt sich, wird das Knurren verstärkt. Je häufiger ein Hund mit seinem aggressiven Verhalten gegenüber Menschen oder Hunden somit „Erfolg“ hat durch die Distanzvergrößerung des Auslöserreizes in einer bestimmten Situation, desto häufiger wird das aggressive Verhalten verstärkt, gefestigt und das dazugehörige  Neuronennetz im Gehirn verdichtet sich.

Diese Festigung kannst du dir wie den Ausbau einer Straße vorstellen.

Der Hund zeigt ein Verhalten einmalig = Trampelpfad

Der Hund zeigt ein Verhalten 10x = Wanderweg

Der Hund zeigt ein Verhalten 100x = asphaltierter Weg

Der Hund zeigt ein Verhalten 200x = einspurige Straße

Der Hund zeigt ein Verhalten 500x = zweispurige Straße

USW.

Leider ist es fast unmöglich diese erste Schreckreaktion zu verhindern. Auch, wenn man als Mensch weiß, dass Hunde bellen und auch mal knurren: Tritt das Geräusch plötzlich und unerwartet auf, tritt die Schreckreaktion auf.

Für den Hund ist diese Distanzvergrößerung nach seinem aggressiven Verhalten extrem verstärkend, denn es ist eine große Erleichterung für den Hund, wenn sich der Auslöser für aggressives Verhalten entfernt (auch nur minimal).

Wäre es eine Erleichterung für den Hund, wenn er sich mit seinem aggressiven Verhalten wohlfühlt? Wenn ein Hund sich gerne in einer Situation aufhält und ein Verhalten sehr gerne zeigt, fühlt er sich wohl. Nimmt man dem Hund dann entweder die Situation oder den Reiz, der die Wahrscheinlichkeit des Auftretens des Verhaltens unwahrscheinlicher macht, so ist das unangenehm und das Verhalten wird bestraft (= Negative Strafe).

Würde ein Hund aggressives Verhalten gern zeigen, müsste eine Distanzvergrösserung des Auslösers zur Hemmung der Aggression führen, sodas hier “Negative Strafe” wirkt.

Dies funktioniert allerdings nicht, da der Hund froh und erleichtert ist, wenn sich die Bedrohung, auch nur geringfügig, entfernt. Sollte der Hund nachsetzen (mit aggressivem Verhalten), so ist die Distanz noch zu gering und er muss sich mehr Raum schaffen um sich sicher zu fühlen.

Wenn das Knurren des Hundes ignoriert oder unterbunden wird, der Hund keine Möglichkeit hat um erwünschtes Verhalten zu erlernen, kann es passieren, dass der Hund weiter eskaliert. So kann es passieren, dass der Hund nicht mehr nur knurrt, sondern auch abschnappt, vielleicht zuerst in die Luft und dann in die Hand oder den Arm des Menschen oder auch bei einem Hund. Dieses Verhalten führt dann zum Erfolg durch Negative Verstärkung. Der Hund hat damit gelernt: Wenn er knurrt, passiert für ihn nichts Gutes, die Bedrohung kommt eher näher. Schnappt der Hund, dann bekommt er die Distanzvergrößerung vom Menschen oder vom Hund.

Wird das Schnappen wieder ignoriert oder unterbunden, dann eskaliert der Hund mitunter weiter nach oben und beißt zu. Die Distanzvergrößerung ist vorprogrammiert und die Erleichterung ist sehr stark für den bedrohten Hund.

Es reicht eine einzige Situation, denn die Negative Verstärkung kann für den Hund sehr eindrucksvoll sein und somit das Verhalten extrem stark verstärken. Es ist wie das Reh im Wald, welches sich schnell vom Hund wegbewegt. Es braucht nicht viele Situationen um ein Verhalten zu festigen, es braucht nur den geeigneten Verstärker.

Bei aggressiven Verhalten ist der geeignete Verstärker die Distanzvergrößerung des Menschen oder des Hundes, welche den aggressiven Hund in seiner Individualdistanz verletzt.

Ein Hund zeigt also nicht gerne Aggressionsverhalten – es wird leider durch eine autonome Schreckreaktion des Gegenübers verstärkt.

Ist das der einzige Faktor? Nein! Definitiv nicht.

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