Positive Verstärkung = Antiautoritärer Umgang ?

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Neuster Blogpost, Training und Verhalten

Ich sage: „Ich arbeite mit meinen Hunden über positive Verstärkung mit Markersignal.“

In vielen Menschenköpfen heißt das: „Ich setze keine Grenzen, meine Hunde dürfen machen, was sie wollen, Verhalten wird nicht unterbrochen und das Training ist komplett antiautoriär.“ Aber ist das denn wirklich so?

Das Training über positive Verstärkung mit einem Markersignal ist alles andere als antiautoritär

Ich persönlich setze meinen Hunden sehr viele Grenzen. Diese sind wichtig in meinem Alltag um die Sicherheit meiner Hunde und die meiner Umwelt zu gewährleisten. Jeder Mensch muss für sich und seinen Hund die eigenen Grenzen herausfinden. Jedes Hund-Mensch-Team ist individuell und damit sind auch die Grenzen individuell.

Meine persönlichen Grenzen:

  • Meine Hunde laufen nicht ungefragt auf die Straße
  • Meine Hunde ziehen nicht an der Leine, sie laufen an lockerer Leine
  • Meine Hunde verbellen keine Passanten, Radfahrer, Jogger etc., meine Hunde sollen Passanten ignorieren oder zur Seite gehen.
  • Meine Hunde verhalten sich sozial gegenüber fremden Hunden, auch an der Leine. Sie akzeptieren ein Kontaktverbot und gehen mit mir weiter.
  • Meine Hunde dürfen keine Wildtiere hetzen. Sie dürfen im Wald nicht stöbern. Die Hunde sollen möglichst auf dem Waldweg bleiben.
  • Meine Hunde sollen auf Ansprache / Rückruf zu mir kommen – möglichst aus jeder Situation und sehr schnell.
  • Wenn ich „Sitz“ sage, dann haben sich meine Hunde hinzusetzen.
  • Meine Hunden dürfen nicht in hohes Gras gehen, in dichtes Unterholz etc.
  • Meine Hunde dürfen nicht bellen, wenn es klingelt. Wenn Besuch kommt, sollen sie sich manierlich verhalten.
  • Beim Verlassen der Wohnung sollen sich meine Hunde ruhig verhalten, nicht drängeln und sich zurücknehmen.

Reicht erstmal – oder? Das sind ganz schön viele Regeln für die antiautoritäre Erziehung … Ich möchte diese Regeln kurz unter die Lupe nehmen, dann wird klarer, dass ich über positive Verstärkung (größtenteils) arbeite und doch sehr konsequent in der Erziehung meiner (Gast)Hunde bin.

Meine Hunde laufen nicht ungefragt auf die Straße

Dies verhindere ich mit der Leine. Dies ist Management. Ein Hund sollte an der Straße an der Leine laufen, da Hunde Lebewesen sind und man sie nicht 100% unter Kontrolle haben kann. Ich übe zusätzlich kurzes Stehen bleiben am Bordsteinrand. Alternativ kann man dem Hund natürlich auch Sitz beibringen.

Meine Hunde ziehen nicht an der Leine, sie laufen an lockerer Leine

Ich rucke nicht, wenn der Hund zieht. Ich zeige dem Hund, welches Verhalten erwünscht ist und verstärke dieses Verhalten. Ich benutze Verstärker, die sehr wichtig sind für den Hund (z.B. Schnüffeln, Freilauf).

Meine Hunde verbellen keine Passanten, Radfahrer, Jogger etc., meine Hunde sollen Passanten ignorieren oder zur Seite gehen.

Auch das trainiere ich über positive Verstärkung mit dem Trainingswerkzeug „Zeigen & Benennen“, eine Gegenkonditionierung von Umweltreizen und mit Signalbelegung, zusätzlich mit Verknüpfung von Alternativverhalten. Bei Passanten, Radfahrern und Menschen trainiere ich, dass die Hunde selbstständig nach Sichtung des Reizes zur Seite gehen und dort warten. Gerne auch im Sitz. Ich betreibe Management: Neue und unbekannte Hunde sind an der (Schlepp)leine, habe ich einen schlechten Tag oder meine Hunde, dann laufe ich Strecken, auf denen der Menschenverkehr nur sehr gering ist.

Meine Hunde verhalten sich sozial gegenüber fremden Hunden, auch an der Leine. Sie akzeptieren ein Kontaktverbot und gehen mit mir weiter.

An diese Regel halten sich meine Hunde nicht immer. Auch hier fängt es zuerst mit Management an. Ich wähle mir meine Spaziergehstrecken nach meinen (Betreuungs)hunden und meiner eigenen physischen psychischen Tagesverfassung aus. (Betreuungs)hunde, die neu sind oder Schwierigkeiten haben, laufen an der (Schlepp)leine, diese kann schleifen oder in der menschlichen Hand sein, dies ist individuell. Neben dem Management trainiere ich! Ich muss sogar trainieren. Wenn ich nicht möchte, dass meine Hunde fremde Hunde verbellen, dann überlege ich mir: Welches Verhalten möchte ich? Darauf trainiere ich hin, immer und immer wieder bis auch Begegnungen im Engstellenbereich möglich sind. Ich bringe meinen (Betreuungs)hunden Alternativverhalten bei, also erwünschtes Verhalten, welches der Hund von alleine zeigt oder welches ich dem Hund beibringe.

Meine Hunde dürfen keine Wildtiere hetzen. Sie dürfen im Wald nicht stöbern. Die Hunde sollen möglichst auf dem Waldweg bleiben.

Ich muss mich leider wiederholen. (Schlepp)leine als Management sowie Antijagdtraining. Hier spielt das Erkennen der hundlichen Körpersprache (wie in allen Gebieten) eine große Rolle und die richtigen Belohnungen. Ein jagdlich motivierter Hund mag meine Wienerle nicht haben, egal, wie positiv ich es damit meine. Auf einen geworfenen Kaninchenfelldummy als Belohnung steht der Hund aber durchaus. Positive Verstärkung ist also nicht nur Leckerlies, sondern das Anpassen der Belohnung an die jeweilige Situation und die Bedürfnisse der Hunde.

Gemeinsam Stehen & Schauen: Nina (Mischling), Nemo (Mischling) und Princhi (Beagle)

Meine Hunde sollen auf Ansprache / Rückruf zu mir kommen – möglichst aus jeder Situation und sehr schnell.

Wieder blöd – ich muss mich nochmal wiederholen: Management und Rückruftraining. Was tue ich, wenn der Hund nicht kommt? Ich scheuche den Hund nicht weg, brülle den Hund nicht an, werfe ihn nicht auf den Rücken, sondern mache lediglich eine Leine an den Hund dran. Oft hilft es schon, dass man dem Hund ein wenig Zeit gibt. Viele Hunde haben großes Interesse an anderen Hunden und möchten einfach ein wenig im hundlichen Social Media surfen bevor sie wieder zum Menschen kommen. Die Zeit kann ich meinem Hund doch gönnen. Das schlimmste, was bei mir passiert: Ich gehe zu dem Hund, leine ihn an und nehme ihn freundlich mit. Jedes Herkommen des Hundes sollte honoriert werden auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Wenn ich „Sitz“ sage, dann haben sich meine Hunde hinzusetzen.

Sitz wird von Anfang an verstärkt und trainiert

Na ja, mein kleiner Pudel muss das nicht, er hat Spondylosen und ihm fällt das Sitzen sehr schwer. Es gibt noch andere Situationen, in denen kann der Hund sich nicht hinsetzen, wenn er z.B. zu aufgeregt ist oder Angst hat. Junge Hunde vergessen manchmal, was Sitz bedeutet oder es wurde einfach noch nicht häufig genug verstärkt. Ich sichere das Sitz nicht über Strafreize ab. Ich bin aber durchaus konsequent und warte auch schon mal bis der Hund sitzt oder das Ansatzverhalten zeigt.

Meine Hunden dürfen nicht in hohes Gras gehen, in dichtes Unterholz etc.

Rummotzen, wenn die Hunde reingehen? Nö, das geht sehr viel eleganter. Markieren (Markerwort / Clicker), wenn der Hund sich einer bestimmten sichtbaren Barriere annähert oder davor stehen bleibt. Belohnt wird immer nach hinten oder zur Seite (sollte ja eigentlich logisch sein) und der Hund lernt, dass er vor hohem Gras stehen bleiben soll oder entlang laufen soll.

Meine Hunde dürfen nicht bellen, wenn es klingelt. Wenn Besuch kommt, sollen sie sich manierlich verhalten.

Na, wer möchte das nicht? Auch hier muss ich mich wiederholen: Management und Training bewirken freundliches Verhalten gegenüber Besuch und ruhiges Verhalten, wenn es klingelt. Funktioniert auch super bei einer Hundegruppe 🙂

Beim Verlassen der Wohnung sollen sich meine Hunde ruhig verhalten, nicht drängeln und sich zurücknehmen.

Das fällt den Hunden manchmal schwer. Aber: Wenn ich auf Klo muss, dann fällt mir es ebenfalls schwer in einer ewig langen Schlange zu warten bis ich an der Reihe bin. Ich zappele dann gern mal herum. So geht es wohl auch den Hunden bei einer vollen Blase. Trotzdem sollen die Hunde ruhig stehen, das Verhalten wird verstärkt und immer gut gelobt.

Bei diesen, vielen Regeln steht eines fest: Antiautoritär ist diese Erzeihung nicht. Allerdings gebe ich jedem Hund die Chance meine persönlichen Regeln zu lernen und nehme nicht an, dass jeder Hund diese Regeln aus dem FF beherrscht.

Zum Thema Verhaltensunterbrechung verweise ich auf meinen Beitrag über den Geschirrgriff.

Zusätzlich gibt es einige „Menschen-Regeln“ im Umgang mit meinen Hunden, auf diese werde ich ein anderes mal eingehen.

Ein Gedanke zu „Positive Verstärkung = Antiautoritärer Umgang ?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.