Der Weg zur positiven Verstärkung

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Gastbeiträge, Tipps für Hundesitter, Training und Verhalten

Dieser Artikel wurde von Erik Hammer geschrieben. Er absolviert Sanny’s Dogwalker Ausbildung seit 2014 bei mir und hat sie im März 2016 erfolgreich abgeschlossen. Ihn begleitet Makeba, eine Rhodesian Ridgeback Hündin. Mittlerweile betreut Erik Modul 4 „Körpersprache“ von Sanny’s Dogwalker Ausbildung und arbeitet erfolgreich mit seinem Dogwalking Service.

Erik Hammer mit seiner Rhodesian Ridgeback Hündin Makeba

Annes Artikel zum Thema Strafreize hat mich wieder sehr zum Nachdenken angeregt.

Ich frage mich, warum wendet man im Umgang mit Hunden Strafe an? Warum habe ich persönlich im Umgang mit meinem Hund Strafe angewendet? Darüber zu schreiben ist für mich nicht einfach.
Ich persönlich habe meinen Hund bestraft. Ich habe Methoden wie Leinen“impulse“, körperliches Blocken und bedrohliche Körperhaltung gegenüber meinem Hund verwendet. Auch bin ich oft lauter geworden als mein Hund die Ohren vermeintlich auf „Durchzug“ hatte.

Warum?

Zum einen, weil ich mich mit der falschen Literatur beschäftigt habe. Ich müsse mich durchsetzen, insbesondere bei einem so großen und sturen Hund wie ich ihn habe. Mein Hund muss gut erzogen sein und gehorchen weil er sonst zur Gefahr werden könne. Ich müsse jedes gegebene Kommando auch konsequent ausführen lassen, sonst erkennt mich mein Hund nicht als Führer an. Der Hund muss in unserer Gesellschaft auch mal Dinge tun, die er nicht gerne möchte, da müsse man sich eben durchsetzen.
Ich habe mich auf verschiedene Trainer eingelassen und konnte nie richtig klären, wo mein unangenehmes Bauchgefühl her kam.

Zum anderen, weil es kurzfristig zum Erfolg geführt hat. Genau so funktioniert absurderweise Training: Verhalten führt zum Erfolg und wird daher öfter oder länger gezeigt. Mein Verhalten (Strafen) hat zum Erfolg geführt (Hund hat unerwünschtes Benehmen unterbrochen oder ein Kommando doch ausgeführt), deshalb habe ich das Verhalten öfter gezeigt.

Es ist bequem, wenn man den Hund für unerwünschtes Verhalten direkt in der Situation bestraft, zischt, mit etwas bewirft und der Hund unterbricht das Verhalten meistens. Man hat vor anderen Menschen/Hundehaltern scheinbar bewiesen, dass man sich von seinem Hund nicht auf der Nase herumtanzen lässt sondern ihn „im Griff“ hat.
Kurz, Strafen ist irgendwie menschlich. Und genau das ist der Knackpunkt: Wir haben es hier nicht mit anderen Menschen zu tun sondern mit Hunden. Und die können kein Mensch – auch wenn wir uns das häufig gerne einreden – sie sind Hunde und benehmen sich auch so.

Ich habe es nicht besser gewusst. Ich war der Meinung, Strafe gehöre dazu, um Grenzen aufzuzeigen. Anders würde das nicht gehen.

Es dauerte nicht ganz ein Jahr, bis mich mein Bauchgefühl zu einer als „Wattebauschwerfer“ belächelten Trainingsmethode – nein, eigentlich ist es mehr als eine Trainingsmethode, es ist eine Philosophie und Lebenseinstellung – brachte.

Makeba hat den doppelten Rückruf gelernt, verknüpft mit vielen, verschiedenen Belohnungen.

Persönlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die aus ihrer Struktur heraus nur diese eine Methode von vorne herein in Betracht zogen. Ich bewundere diese Menschen, die von vorneherein die aversiven Methoden hinterfragen und für sich ablehnen.

Ich musste es lernen. Musste lernen, dass ich als egoistischer und nach außen hin die Situation allgegenwärtig kontrollieren wollender Mensch an Grenzen stoße. Und zwar an die Grenzen meines Hundes. Diese Grenzen hatte ich mehr als einmal verletzt.
Das Ergebnis ist ein eher unsicherer Hund, der erst langsam anfängt, sich Verhalten zu trauen. Sich etwas zuzutrauen. Ein Hund, der sich vermutlich nie gerne hinsetzt weil ich das unter bedrohlicher Körperhaltung anfangs verlangt hatte in Situationen, in denen er es einfach nicht konnte.

Und eines wird mir immer mehr klar:

Das „Wattebauschwerfen“ (Arbeit ohne Strafe – sondern mit Belohnungen und positiver Verstärkung) ist harte Arbeit. Es gibt keinen „Soforterfolg“ wie er heutzutage so oft gewünscht wird. Es ist

Arbeit an sich selbst

den eigenen Fähigkeiten

an der eigenen Einstellung

sich zurück nehmen

Ruhe bewahren, geduldig und wohlwollend sein

Fehler zulassen und auch vermeiden, wo es geht

dem Hund Vertrauen und Selbstvertrauen vermitteln.

Monatelanges, kleinschrittiges Training durch das der Hund lernen darf, wie er sich gut benimmt, wie er mit anderen Artgenossen umgehen soll, mit allen möglichen Umweltreizen, mit Menschen.
Es gibt keine Sofortmaßnahme gegen „schlechtes“ Benehmen, außer Management meinerseits, vorausschauendes Handeln und Training. Und das ist soviel anstrengender als Strafe. Aber der Hund kann verstehen und lernen was gewünscht ist. Er wird oder bleibt dabei selbstsicher und vertraut dem Hundehalter. Der Hund kann angstfrei soviel besser lernen als unter Verunsicherung.

Es hat leider ein Jahr gedauert, bis ich darauf gekommen bin. Und in mir ungewohnten Situationen muss ich mich manchmal noch davon abhalten, in alte Muster zurück zu fallen. Je mehr ich mir dessen jedoch bewusst bin, desto besser kann ich agieren und nicht mehr aversiv reagieren.

Makeba war bei Eriks Coaching in der Hundegruppe von Sanny’s Hundeservice dabei und konnte in zwei Tagen sehr viel Sozialkompetenz erlernen.

Ich bin nicht perfekt, ich arbeite an mir und mit meinem Hund. Und das ist ein Prozess, der dauert.


Makeba fällt es schwer, sich von einem drohenden Hund zu lösen.

Die Erfolge, die ich bisher sehe seit ich keine Strafe mehr verwende, geben dem aber Recht. Mein Hund traut sich mehr, ist mir freudiger zugewandt und weniger ängstlich, ist besser ansprechbar und lernbereiter. Mein Hund überrascht mich in schwierigen Situationen öfter mit gutem Verhalten. Und ich kann mich mehr entspannen und auch bei mir mal Fehler zulassen. Auch wenn Situationen, Hundebegegnungen, ein Abruf mal nicht so klappen, dann notiere ich mir geistig, dass ich das weiter üben werde, mache mir Gedanken wie ich das üben werde und hake die verkackte Situation hab.


Makeba lernte in kurzer Zeit die Distanz zum Hund bei Drohverhalten zu vergrößern

Ich bestrafe meinen Hund in diesen Situationen nicht mehr. Höchstens verpasse ich mir eine Kopfnuss, weil ich die Situation nicht vorausschauender gehändelt habe.

Deshalb habe ich mich entschieden, zu lernen, wie ich mit meinem Hund alle Situationen auch ohne Strafreize durchleben kann.

Ich lasse mich zwischenzeitlich gerne als männlicher Softi bezeichnen, der seine Hunde mit Leckerchen bewirft. Denn ich weiß, dass es soviel mehr ist als mit Leckerchen werfen. 🙂

Erik und Makeba beim Praxisseminar von Sanny’s Dogwalker Ausbildung.

An dieser Stelle danke ich Anne Rosengrün und Susanne Knorr ganz herzlich. Ohne eure Hilfe und euer Vorbildsein wäre ich jetzt noch nicht da, wo ich bin. Ich bin sicher, mein Hund dankt es euch auch.

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